Haupttor KZ Buchenwald

Gedenkstätte Buchenwald – Gegen das Vergessen!

Am Anfang der Blutstraße steht der Obelisk – ein Mahnmal. Es soll uns an die Geschehnisse erinnern, die sich hier zwischen 1938 und 1945 abgespielt haben. Hier, am Obelisk, beginnt mein Weg. Die Gedenkstätte Buchenwald ist mein Ziel.

Die Blutstraße – von 1938 bis 1939 von Häftlingen gebaut – führt von hier bis zum ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg nahe der Stadt Weimar. Parallel zur Blutstraße verlief die Bahntrasse Weimar-Buchenwald. Die 10 km lange Strecke bauten im Jahr 1943 ebenfalls Häftlinge in nur 3 Monaten. Heute sind die alten Gleise mit Erde bedeckt. Am Bahnhof Buchenwald hat man einige der alten Schienen wieder freigelegt – zur Erinnerung. Ich nehme den 3 km langen Weg über die alte Trasse – den Gedenkweg Buchenwaldbahn.

Nach ein paar Hundert Metern liegen einige große Steine am Wegesrand. Es sind Namen hinein geschlagen und mit Farbe kenntlich gemacht. Es sind die Namen der Kinder, die 1944 mit dem ersten Todeszug nach Auschwitz fuhren. Das Projekt entstand 2007 im Rahmen einer bundesweiten Bürgerinitiative. Mehrere hundert Menschen nahmen daran teil und beräumten die alte Trasse. 2009 begann man mit dem Bearbeiten und Aufstellen der Steine. Das Projekt soll erst beendet sein, wenn die Namen aller 2000 Kinder und Jugendlicher in Stein gehauen sind, die ihr Leben in Buchenwald ließen. Ich bleibe eine Weile stehen und lese viele Namen.

Todeszüge: Wer zu alt oder zu schwach für die Zwangsarbeit war, den brachte man in Zügen in eines der 139 Außenlager. Am 25. September 1944 verlies der erste dieser Züge mit 200 Kindern das Lager Buchenwald Richtung Auschwitz.

Es herrscht eine seltsam friedliche, fast gespenstische Stille auf diesem Weg, der eine solch dunkle Geschichte birgt. Ich höre nichts außer dem Zwitschern der Vögel und dem Wind, der leise durch die Wipfel der noch kahlen Bäume zieht. Nach einer ganzen Weile bemerke ich rechts neben mir im Wald einige Metallstäbe, die scheinbar wahllos in der Erde stecken. Eine Informationstafel verrät mir den Grund. Nach 1945 nutze die sowjetische Besatzungsmacht das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald für eigene Zwecke und brachte ihre Strafgefangenen, hauptsächlich aber nicht nur örtliche NSDAP-Funktionäre, hier unter. Von den 28.000 Inhaftierten starben mehr als 7.000 an den Folgen von Hunger. Die Leichen verscharrte man einfach im Wald. Ein Waldfriedhof also – die Stäbe markieren die Gräber.

Ich erkenne nun auch die ersten freigelegten Gleise. Ich bin am Bahnhof angekommen. Hier also trieb man tausende verängstigte Menschen aus den Waggons hinunter zum Lager oder in die Züge zu den Vernichtungslagern – Männer, Frauen und Kinder.

Das Lager Buchenwald hat 3 Eingänge – das Haupttor und jeweils ein Eingang rechts und links daneben, die aber offiziell nicht benutzt werden durften. Ich gehe auf das Haupttor zu. Dort schlägt mir in Spiegelschrift sofort die Inschrift “Jedem das Seine” entgegen. Ich erkenne die Worte trotzdem. Richtig lesen kann man die Buchstaben aber nur von Innen. Absichtlich. Die Gefangenen sollten sie vom Appellplatz aus jederzeit sehen können. Das Tor strich man regelmäßig weiß an, die Buchstaben dagegen in rot um sie noch einmal besonders hervorzuheben. Das Torgebäude diente zudem als Hauptwachturm, obenauf thronte ein Maschinengewehr. Die Uhr im Turm zeigt 15:15 Uhr – der Zeitpunkt der Befreiung am 11. April 1945.

Jedem das Seine – Der Spruch geht zurück auf den 2000 Jahre alten römischen Rechtsgrundsatz: “Die Gebote des Rechts sind folgende: Ehrenhaft leben, niemanden verletzen, jedem das Seine gewähren.” Die SS interpretierte “Jedem das Seine” als Recht des “Herrenmenschen” zur Erniedrigung und Vernichtung der “Anderen”.

Mein Blick streift über das weitläufige Gelände. Insgesamt sind es 400.000 qm. Buchenwald war das größte Lager auf deutschem Boden. Von den einstigen Baracken steht heute keine mehr, lediglich einige Grundmauern weißen auf sie hin. Hier und da stehen Gedenksteine und Mahnmale für die unzähligen Menschen aus über 50 Ländern, die hier ihr Leben ließen.

      • 277.800 Häftlinge – 28.230 Frauen – 249.570 Männer
      • 30.000 davon waren Minderjährige
      • 56.000 Tote

Ich gehe zuerst nach links am Zaun entlang zu einem der Wachtürme. Zwischen den einstmals 22 Türmen patrouillierten die Wachposten, wenn nachts die SS das Lager verlies. Zusätzlich umgab ein 380 Volt starker Zaun das Gelände. Ein Entkommen war unmöglich.

Ich streife zwischen den Grundmauerresten der Baracken umher, lese verschiedene Informationstafeln und frage mich, wie ich wohl damals gehandelt hätte. Wäre ich mutig genug gewesen um mich gegen das Regime zu stellen? Hätte ich aus Angst um mein eigenes Leben einfach die Augen verschlossen? Oder hätte mich die Propagandamaschinerie letztendlich sogar mitgerissen? Das frage ich mich immer, wenn ich an solchen Orten bin. Bisher konnte ich mir aber noch keine zufriedenstellende Antwort abringen.

Am unteren Ende des leicht abschüssigen Geländes waren die Kranken- und Quarantänestationen. Der Ort an dem viele tausend Menschen für Vernichtungstransporte ausgewählt oder direkt mittels Injektionen getötet wurden, liegt heute idyllisch von Bäumen umgeben, fast als würde man einen Park betreten.

Ich gehe weiter. Auf dem Weg zum Kammergebäude fällt der Blick nach links auf das sogenannte “Kleine Lager”. Vom eigentlichen Lager noch einmal durch Stacheldraht abgegrenzt diente es erst als Quarantänelager, in dem die Menschen einige Wochen verbrachten bevor man sie auf die verschiedenen Außenlager verteilte. Mit steigender Zahl Deportierter entwickelte sich das “Kleine Lager” zu einem Ort des Dahinsiechens und Sterbens hauptsächlich für jüdische Gefangene.

Im Kammergebäude bekamen die Häftlinge ihre Lagerkleidung. Alles was sie an Hab und Gut bei sich trugen, ließen sie hier zurück. Außerdem diente das Gebäude als Magazin. Dieses größte Gebäude des KZ Buchenwald beherbergt heute auf 3 Etagen die sehenswerte Dauerausstellung zur Geschichte dieses Ortes. Später, als die Anzahl der Häftlinge stieg, errichtet man daneben ein Desinfektionsgebäude. Zusätzlich zur üblichen Prozedur mussten die Häftlinge die Erniedrigung der Desinfektion ertragen und wurden geschoren.

Vom Kammergebäude führt mich der Weg wieder nach oben. In mein Blickfeld fällt nun der Schornstein des 1940 von Häftlingen errichteten Krematoriums. Vorher lies man die Toten im Krematorium in Weimar einäschern. Im Keller des Gebäudes lagerte man die Leichen bis zu deren Verbrennung. Mittels einer Rutsche durchs Kellerfenster gelangten sie vom Hof nach unten in den kleinen dunklen Raum, den man auch als Folterkeller nutzte. Über Tausend Menschen fanden so an einem der großen Wandhaken den Tod. Mit einem Lastenaufzug gelangten die geschundenen Körper dann nach oben in den Raum mit den Brennöfen um anschließend als Ascheregen über dem Ettersberg niederzugehen.

Letztendlich waren es 6 Millionen Menschen, die ihr Leben in Lagern wie diesem ließen – durch Hunger, willkürliche Erschießung, Folter und Gas. Ermordet wegen einer menschenverachtenden Ideologie, der jedwede wissenschaftliche oder auch nur ansatzweise logische Grundlage fehlt und die dennoch so viele Menschen in ihren Bann gezogen hat. Eine Ideologie, die aus Menschen Mörder und Sadisten werden lies, von denen ein nicht geringer Teil aus tiefster Überzeugung handelte, einige sogar Freude bei der Ausübung ihrer Aufgaben empfanden. Eine Ideologie die zu Unvorstellbaren Grausamkeiten führte. Grausamkeiten, die am Ende keiner wahrhaben wollte. Was Geschehen war verschwieg man lieber. Man wollte die Dinge lieber vergessen. Vergessen aber, dürfen wir niemals!

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6 Kommentare zu „Gedenkstätte Buchenwald – Gegen das Vergessen!“

  1. Sindt Ewald

    Hallo Carina,
    diese Gräueltaten darf und kann man nicht vergessen!
    Allerdings ist unsere Generation nicht dafür verantwortlich, aber dafür, dass so etwas nie wieder vorkommt.

    Lieben Gruß, Ewald

    1. Da hast du natürlich absolut Recht! Verantwortlich sind wir jetzt dafür, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Das funktioniert nur, wenn wir daran erinnert werden, denn einige Dinge an die wir nicht regelmäßig erinnert werden, verschwinden irgendwann aus unserem Gedächtnis… 😉 Liebe Grüße, Carina

  2. Ein wichtiges Thema und gerade in der heutigen Zeit sehr wichtig daran zu erinnern. Es waren übrigens mehr wie 6 Mio Tote, denn das waren die getöteten Juden, die ja nicht die Einzigen Insassen in den Lagern waren. Ich selbst habe oft und intensiv die Dachauer KZ Gedenkstätte besucht, meine Mutter hat da als Museumsangestellte gearbeitet und dort auch die Möglichkeit gehabt mit vielen Ehemaligen Insassen zu sprechen. Am Eindrucksvollsten waren immer die Gespräche mit dem 2016 verstorbenen Max Mannheimer. Sein Zitat sagt alles: “Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.”

    LG Ina

  3. Schön, dass du dich annimmst und auch über “weniger schöne” Orte schreibst! Die Welt bietet nicht immer nur schönes und genau deshalb sollten wir auch solche Orte besuchen, um uns zu erinnern und zu verstehen.

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